You’re viewing a version of this story optimized for slow connections. To see the full story click here.

CABO VERDE

The Land of Morabeza

Story by Jean-Luc Grossmann May 31st, 2015

Umgeben von Licht, Wind und Wasser liegen die 15 kleinen Inseln des kapverdischen Archipels wie an einer Perlenkette aufgereiht vor der Küste Afrikas. Dichte, tropische Vegetation, Vulkankrater, Dünen mit heißem Sand – in diesen landschaftlichen Gegensätzen leben Menschen, die sich trotz der Armut nicht kleinkriegen lassen.

————-

Die Reise beginnt und endet für uns – wie für alle Besucher – in Sal, da dort auf dem internationalen Flughafen Amilcar Cabral, benannt nach dem Staatsgründer, alle Flüge aus Europa landen und abgehen. Wir bleiben nicht lange, denn der Ruf der umliegenden Inseln Santo Antão, São Vicente, São Nicolau und Fogo lockt zu sehr. Auf ihnen zeigt sich das wahre Gesicht des Archipels: Die Reinheit der Natur, die Zufriedenheit der Fischer, die Fröhlichkeit der vielen Kinder, die Sympathie und Offenheit der Leute, deren Melancholie, Armut und Reichtum sich in der Musik ausdrückt.



Sodade nennen sie dieses Gefühl, das die Sehnsucht nach einem geliebten Ort, einer geliebten Person oder nach beidem meint, die unerreichbar scheinen. Wir fühlen uns dagegen gefeit. Doch bald nach der Heimkehr befällt es auch uns und das Gefühl wird nicht mehr verschwinden, bis die nächste Reise nach Kap Verde gebucht ist.
Fischen ist auf den
Kap Verden vorwiegend
Handarbeit:
Ein Fischer zieht
das unendlich
lang wirkende Netz
langsam ein.

Die fischer

Fünf Uhr morgens, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Das Meer ist gnädig gestimmt. Am Hafen von Punta do Sol auf der Insel Santo Antão herrscht bereits ein reges Treiben. Vorbereitungen werden getroffen für den täglichen Fischfang. Die Fischer laden Netze, Kunststoffschnüre und Angeln auf die nicht allzu geräumigen Fischerboote.



Jeder weiß, was er zu tun hat. Gesprochen wird wenig. Auch später auf dem Meer draußen, wenn die 10-köpfige Mannschaft immer wieder die Netze auswirft und wieder einzieht, von einem Punkt zum nächsten rudert. Hier und da mal ein kurzes Kommando, das ist alles. Auf die Launen des Meeres vorbereitet zu sein, erfordert höchste Konzentration.

Die Fischer beobachten die Meeresoberfläche genau, denn sobald diese anfängt zu glitzern, sind die Makrelen nah. Dann nähern sie sich dem Schwarm, werfen die Netze aus und fahren mit dem Boot einen großen Bogen, um die Fische einzukreisen. Bevor der Kreis geschlossen ist, springt einer der Fischer mit Taucherbrille und Flossen ins Wasser, und schlägt ein paar Mal mit seinem Arm aufs Wasser, damit die Fische nicht noch im letzten Augenblick entkommen. Manchmal muss das Manöver mehrmals wiederholt werden, bis die Fische endlich im Netz bleiben.

Ponta do Sol 02 .tif

Dann steht jedoch die schwere Arbeit erst bevor: Das volle Netz muss wieder eingeholt werden. Mit lauten Rufen ziehen alle Fischer Meter für Meter das Netz an Bord. Die Bewegungen werden mit der Zeit immer langsamer. Doch die Mühe hat sich gelohnt: Das Netz ist prallvoll.

Ponta do Sol 03.tif

Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft und Fischerei tätig. Obwohl Kap Verde über eine 700.000 km2 große wirtschaftlich nutzbare und sehr fischreiche Meereszone verfügt, werden diese Fanggründe bei weitem nicht ausgenutzt. Es fehlt das Geld für größere Schiffe und Kühlhäuser. Ausländische Organisationen unterstützen Kap Verde dabei, diesen Wirtschaftssektor zu modernisieren. Dank der Vielfalt an Fischen könnte langfristig die Abhängigkeit von Landwirtschaft und ausländischer Nahrungsmittelhilfe verringert werden.

Ponta do Sol 04.tif

Später, gegen Mittag, werden die Fischerboote mit Spannung von den Fischerfrauen und Kindern erwartet. Am Himmel kreisende Möwen kündigen den täglichen Höhepunkt an, bevor die Boote für das bloße Auge sichtbar werden. Sind die Boote erst einmal gelandet, beginnt das Gerangel um die besten Stücke. Häufig kämpfen die Frauen um denselben Fisch. Es wird diskutiert, laut und farbig. Was für fremde Ohren wie ein Streit klingt, wiederholt sich hier jeden Tag und dauert auch nicht lange. Viel Zeit bleibt nicht, die Fische müssen weiter, ins Restaurant, nach Hause auf den Teller oder als Export nach Europa.

Sao Filipe 08.tif

Die Sicht der Dinge

Sodade“ – die Sehnsucht – hat auch Jean-Luc Grossmann gepackt. Dreimal war er schon auf dem Archipel. Ihn fasziniert die Ursprünglichkeit und Reinheit der Landschaft und die Herzlichkeit der Menschen. Er sagt, er müsse in eine Kultur eintauchen, sich vergessen, bevor er zu fotografieren beginnt. Er schaut genau hin, geht nahe heran, nicht nur mit der Kamera, und fühlt sich in die Menschen hinein. Im Hafen von São Filipe auf Fogo trifft er eine Gruppe von Fischern, die gerade vom Meer zurückgekommen sind und lebendig über die vergangenen Stunden diskutieren. Leise setzt er sich erst auf eines der Boote und beobachtet die Gruppe. Sein Blick fällt gleich auf Manuel, dem Gruppenältesten. Jean- Luc spürt, dass dieser eine besondere Stellung innerhalb der Gruppe einnimmt und die anderen ihm großen Respekt zollen. Kurz darauf kommt Manuel auf ihn zu und sie beginnen ein Gespräch mit Handbewegungen und Zeichnungen. Jean-Luc fragt ihn, ob er auf einem Fischfang dabeisein könnte. Manuel erklärt ihm, dass sie für längere Zeit auf dem Meer bleiben werden, da sie um 4 Uhr morgens rausgehen und erst um 12 Uhr mittags zurückkehren würden. Bevor sie sich verabschieden, porträtiert er ihn. Manuel strahlt, kreuzt die Arme und steht stolz vor seinem Boot. Diese Begegnungen sind für Jean-Luc Grossmann nicht nur Mittel zum Zweck:



„Der Reiz des Reisens sind die Bekanntschaften, die man überall macht. Es ist der Austausch mit Menschen, die Möglichkeit, an ihrem Leben teilzunehmen.“

Das beruht auf Gegenseitigkeit: Die Leute fühlen sich oft geehrt, von ihm fotografiert zu werden. Und sie zeigen sich so, wie sie sind.

Sao Filipe 09.tif
Sao Filipe 10_www.jpg
Sao Filipe 07.tif
Der Thunfisch wird nach
dem Fang sofort auf den Markt
von São Filipe gebracht.
Manuel, der
Fischer, steht stolz
vor seinem Boot.
Sal_www.jpg
Fischer 03.tif
Fischer 02.tif
Fischer 04.tif
Sao Vicente 02_www.jpg

die kinder

Die Kinder von Kap Verde sind ein Inbegriff von Lebenslust. In der Salamansa-Bucht auf der Insel Sao Vicente reichen eine große Sanddüne und ein paar alte Reifen, um eine ganze Horde Kinder zu erfreuen.



„Um, dois, três“, schreit der Älteste, und schon sausen alle unter vergnügtem Geschrei im Höllentempo den Hang hinunter.

Unermüdlich erklimmen sie mit dem Reifen über der Schulter erneut die Düne. Und jedes Mal haben sie das gleiche glückliche Lachen im Gesicht.

Eine
große Sanddüne und
ein paar alte Reifen
reichen, um eine
ganze Horde Kinder
zu erfreuen.
Bild 13_ancilla.tif
„Als wir in Fontainas ankommen, treffen wir ein schönes Mädchen mit großen, schwarzen Augen und ihre Geschwister. Die Mutter kämmt gerade ihre Haare. Alle schauen in meine Kamera, die eine selbstsicher, die anderen scheu, überrascht und frech.“
Die Salamansa-Bucht
bei São Vicente:
Ein beliebter Tummelplatz
der Kinder.
Praia 01.tif
Praia 02.tif
Kinder 01.tif

Joaquín möchte ein Foto. Sein Gesicht und sein Körper sind voller Sand. Er möchte ein Foto, wie er mit einem riesigen Hechtsprung ins Wasser springt. Er nimmt Anlauf, rennt los und macht einen perfekten Salto ins Meer.

Sao Filipe 03.tif

Kinder bedeuten auf Kap Verde Glück, Reichtum und eine Absicherung bei Krankheit und im Alter. Geschätzt wird, dass etwa 45 Prozent der Caboverdeaner unter 15 Jahre sind. Auf dem Land ist es nicht außergewöhnlich, mehr als fünf Kinder zu haben. Sie wachsen unbeschwert auf und werden von allen Dorfbewohnern beschützt und versorgt. In der Stadt hingegen geht die Tendenz hin zur kleinen Familie. Ein oder zwei Kinder, deren Betreuung jedoch meistens ungewiss ist, da die Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen und die Großfamilie fern ist. Die Kinder lernen schnell, sich mit sich selbst zu beschäftigen und nutzen ihre grenzenlose Fantasie, um der Langeweile zu entgehen. Kontakte mit Reisenden sind immer eine willkommene Abwechslung.

Landschaft 02original.tif

die landschaft

Meer und Wind formen die Landschaft auf Kap Verde – mal wild und unbarmherzig, mal zahm schnurrend. Vor Millionen von Jahren wurden die vulkanischen Inseln mitten im Meer geschaffen. Zeugnis davon sind die vielen meist erloschenen Vulkankegel und -krater, die es auf allen Inseln gibt. Der einzige noch aktive Vulkan und mit 2.829 Metern die höchste Erhebung des Archipels ist der Pico de Fogo auf der gleichnamigen Insel im Süden Kap Verdes. Wind und Wasser erodieren die Landschaft stetig und hinterlassen fantastisch geformte Bergketten, ausgehöhlte Flussbetten, schwarz gefärbte Bergrücken, schwarze und weiße Strände. Wohldosiert bieten sich die Eindrücke an.



Keine westliche Hektik oder Straßenlärm lenken vom magischen Naturschauspiel ab. Nebelschwaden, die tanzend bergaufwärts hüpfen, öffnen sich und gewähren einen kurzen Einblick in die Landschaft, geben den Blick frei auf Bergwände, Wiesen, Täler und Wälder.

Weiße Sanddünen ergeben sich dem Wind und schlängeln sich schwerfällig durch die Strandlandschaft. Auf schwarzer Vulkanerde wachsen vereinzelte Bäume unterhalb des Vulkankegels. In den Städten herrscht geschäftiges Treiben, Kinder gehen zur Schule, in den Werkstätten und Geschäften trifft sich nicht nur die Kundschaft zum kurzen Schwatz, und überall fahren die kleinen Aluguer- Busse herum, deren Fahrer nach Passagieren Ausschau halten. Doch immer bläst der Wind, und das Meer rauscht in der Ferne – allgegenwärtig.

Landschaft 03.tif
Landschaft 04.tif
FogoVolcan.tif

Publications: Schwarzweiss Magazin, Nikon News

caboverde_publications_mosaic.jpg
Footnote: Bilder : Jean-Luc Grossmann | Text : Adrian Stitzel. Adrian ist freier Journalist und begleitete Jean-Luc im Herbst 2000 nach Kap Verde.
Cabo Verde